SONNTAG IST BIERKRÄNZCHENTAG


Es ist Sonntag im März. Draußen ist es grau und trüb und kalt. Kein Vöglein ist in der Stimmung eine fröhliche Guten-Morgen-Melodie draußen vor dem Fenster zu trällern. Ich danke Gott dafür. Auch wenn ich überzeugte Atheistin bin. Danke schön, sehr freundlich. Denn heute möchte ich wirklich nur zweierlei von diesem Tag: A. in Ruhe gelassen werden und B. weiter Winterschlaf halten. Ungeduscht und ab auf die Couch, als Errungenschaft des Tages später vielleicht Asiatisch und Pizza gleichzeitig bestellen, um mit meinem Mann zu wetten, welcher Lieferservice heute das Rennen macht und innerlich grummelig sein, wenn ich dem Boten die Tür öffnen, ja, gar Worte mit ihm wechseln muss. Warum bietet eigentlich kein Lieferdienst an das Essen vor der Haustür abzustellen? 

 

Kurzum: Es ist der perfekte Sonntag!

 

MIST. Nicht perfekt. Ganz und gar nicht! Denn heute ist der erste Sonntag im Monat. Oh Schreck, oh Schreck. Und wie es der Familientradition beliebt, findet das allmonatliche Familien-Kaffeekränzchen bei Tante Ida* statt. D`oh!

 

Wem kommt diese Misere noch bekannt vor? Man freut sich auf einen herrschaftlichen Sonntag mit seinem Fernbedienungszepter in der schokoverschmierten Hand und begeht dann den entscheidenen Fehler... - ein flüchtiger Blick in den Kalender schlägt dir mittenmang in deine Faultier-Fresse. Denn dort steht in signalfarbenden Rot der Untergang deiner konservativ unkonstruktiven Pläne: Heute - Familie - Kaffee trinken.

 

Ganz ehrlich, W-A-R-U-M??? Kaffeekränzchen ist wie zur unliebsamen Bettbesucherritze verdonnert zu werden. Unangenehm, ungemütlich und irgendwie ist man total unbequem zwischen den Fronten eingeklemmt. Pupse links, Peinlichkeiten rechts.

 

Doch was ist eigentlich der Ursprung dieses vermeintlich typisch Deutschen Dilemmas? Weil das immer schon so war? 

Abgesehen von der Tatsache, dass dies schon immer (!) das dümmste Argument aller Zeiten war, ist es... HA, genau das, was es eben nicht ist!

 

Glückwunsch, liebe/r LeserIn und SonntagsliebhaberIn, AB SOFORT kannst du alle Menschen, Familienmitglieder oder so genannte Freunde, die dich zum Kaffeekränzchen zwingen wollen, eines besseren belehren - gar oberlehrerhaft klugscheißern, wenn es dir beliebt - denn eines steht 100% fest - historisch und traditionell:

 

 

Drei Damen beim Bierkränzchen
Drei Damen beim Bierkränzchen

 

 

 

 

 

DAS BIERKRÄNZCHEN IST VIEL ÄLTER ALS DAS KAFFEEKRÄNZCHEN!

 

So, nun ist die Katze aus dem Sack.

 

Katze aus dem Sack
Katze aus dem Sack
Beim Bierkränzchen (1799)
Beim Bierkränzchen (1799)

 

 

 

 

 

 

Im frühen Mittelalter (ca. 11. Jahrhundert) war das Bier brauen reine Frauensache.

 

Es galt als obligatorische Sitte, dass eine Frau, die gebraut hatte - und dazu kam es sehr regelmäßig, da Bier, weil abgekocht und weitestgehend keimfrei, das gesündeste Trinken der damaligen Zeit war - ihre Nachbarinnen, Freundinnen & Co. zu einem "Bierkränzchen" zu sich einlud.

 

Kränzchen, so hieß es aus dem Grunde, weil sich die trinkfesten Ladys zur Feier des Tages mit einem Haarkranz geschmückt haben.

 

Der gesellschaftliche Rahmen sah vor, dass grobe Brotkanten ins Bier gebröckelt und Bier und Snack in Gemeinschaft verkostet wurden.

 

 

 

 

Aus dieser historischen Tradition entwickelte sich erste viele hundert Jahre später das heute bekannte und allseits fraglich beliebte Kaffeekränzchen.

 

Im Gegensatz zum Bier, dessen Geschichte gut 5.000 Jahre alt ist - ist der Kaffee also recht neumodisches Zeug.

 

Erst im 16./17. Jahrhundert bahnte der Kaffee sich seinen Weg von Äthiopien über das Osmanische Reich bis hin in das heutige Europa und Deutschland. In Bremen eröffnete 1673 das erste Kaffeehaus.

 

Zu diesem Zeitpunkt galt das ebenfalls nördlich gelegene Hamburg schon lange als Brauhaus der Hanse.

Zu den Hochzeiten im 14. Jahrhundert stellten die hanseatischen Brauer ordentliche 574.000 Hektoliter pro Jahr her.

Mitte des 14. Jahrhunderts versorgten knapp 450 Brauhäuser die 8.000 Einwohner Hamburgs. 1540 stieg diese Zahl auf 527.

 

Das bräunliche Heißgetränk namens Kaffee hingegen war in seiner Anfangszeit sogar sehrsehr unbeliebt bis verpönt. Besonders der Adel und die so genannte Bildungsoberschicht wehrten sich gegen das unalkoholische, fremdartige Gesöff. 

 

In dem unten gezeigten Ölgemälde drückt ein zeitgenössischer Künstler recht deutlich aus, was er von der neuen "Kaffeekultur" hält.

 

Künstler verpönt Kaffee (17. Jahrhundert, unbekannter Maler), Copyrights: NDR, Screenshot aus "Unsere Geschichte: Bier"
Künstler verpönt Kaffee (17. Jahrhundert, unbekannter Maler), Copyrights: NDR, Screenshot aus "Unsere Geschichte: Bier"

   

Heute trinkt der Durchschnittsdeutsche 77.000 Tassen Kaffee. Am Tag. Aber nein. Immerhin im Laufe seines Lebens. Pro Tag sind es 0,41 Liter. Ob das gut ist oder schlecht, das muss nun wirklich jeder selbst für sich entscheiden.

 

Doch zu guter Letzt lässt sich durchweg objektiv feststellen: 

 

Für dich und deine Kaffeekränzchen-Verpflichtung liegen die Dinge ganz klar auf der Hand. 

Traditionen liegen dir ungemein am Herzen. Daher steht eines fest wie das Amen in der Kirche -

 

Sonntag ist Bierkränzchentag. 

 

PS. Und dies ist eine Glosse. 

  

* Name speziell und Tante allgemein frei erfunden